Die Vertreibung und ihre Vorgeschichte
Das Revolutionsjahr 1848 führte in Böhmen zu einer Verschärfung des deutschen und tschechischen Nationalismus. Die Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen nahmen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs immer mehr zu. Insbesondere die "Badenische Sprachenverordnung" von 1897 hatte in den mehrheitlich deutsch besiedelten Landesteilen zum Teil erbitterte Reaktionen zur Folge. Die erzwungene Angliederung der deutschsprachigen Randgebiete Böhmens wurde zu einer schweren Hypothek für die bei Kriegsende 1918 gegründete Tschechoslowakei. Die Bereitschaft der Mehrheit der Sudetendeutschen, ihre Forderung nach nationaler Selbstbestimmung durch Adolf Hitler durchsetzen zu lassen, die Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938/39 und die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus bestärkten Staatspräsident Eduard Benesch, das Problem der deutschen Minderheit in Böhmen auf Dauer durch die Vertreibung dieser Menschen in den Jahren 1945/46 zu lösen.Leben in der K. u. K. Monarchie Von 1526 bis 1918 stand Böhmen, mit einer kurzen Unterbrechung, unter der Herrschaft der Habsburger. Nach der Niederlage der böhmischen Stände 1620 in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag setzten sie die Gegenreformation durch, holten katholische Adelige ins Land und regierten absolutistisch. Unter Kaiser Joseph II. konnte in Böhmen die Aufklärung Fuß fassen. Durch das Reichsvolksschulgesetz von 1869 mit der Einführung der Bürgerschule legte die Monarchie die Basis für ein modernes Bildungssystem. Auch bei der Wirtschaftsförderung leistete sie Vorbildliches. Es gelang ihr jedoch nicht, einen politischen Ausgleich zwischen Deutschen und Tschechen zu finden. Der böhmische Landadel stand treu zu den Habsburgern. Er förderte auch vielfach Architektur, Kunst und Wissenschaft, selbst sozialreformerische Ansätze lassen sich feststellen, so zum Beispiel die Formulierung der "Haider Thesen" zu Fragen der Arbeiter- und Handwerkerschaft durch Fürst Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg 1883.Fürst Alfred I. von Windisch-Graetz, Inhaber der Herrschaft Tachau, schlug die demokratischen Revolutionen von 1848 in Wien und Prag blutig nieder (Foto: K. Wilck)
Zwischen den Weltkriegen Nach der Gründung der Tschechoslowakei am 28.10.1918 und der Besetzung der Randgebiete Böhmens durch tschechische Truppen, blieb den Deutschen Einwohnern des neuen Staates eine regionale Autonomie vorenthalten. Sämtliche Minderheiten verfügten jedoch über eigene politische Parteien, eine Vertretung im Parlament und ein eigenes Schulsystem. Da die Sudetendeutschen bis 1929 von Wirtschaftskrisen verschont blieben, stimmten sie bei den Wahlen mehrheitlich für Parteien, welche die Zusammenarbeit mit dem tschechoslowakischen Staat befürworteten.Dennoch sorgten die Bodenreform von 1919, die Ansiedlung tschechischer Legionäre, die während des Weltkriegs gegen Österreich und Deutschland gekämpft hatten, die Benachteiligung deutschsprachiger Personen im Staatsdienst, die Versetzung tschechischer Beamter in das Sudetenland und die Einrichtung tschechischer "Minderheitenschulen" in den deutschsprachigen Gebieten dafür, dass vielen Sudetendeutschen die Tschechoslowakei fremd blieb. Uniform der Tachauer Studenten Ferialverbindung aus den 1920er Jahren (Foto: K. Wilck)
Leben unter dem Nationalsozialismus Von der Weltwirtschaftskrise ab 1929 wurde das Sudetenland besonders hart getroffen. Dies erleichterte den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei SdP unter Konrad Henlein. Das Jahr 1938 führte zu einer Eskalation des Konfliktes um das Sudetenland. Bei einer Kundgebung in Tachau am 13. September wurden durch tschechisches Militär zwei Männer erschossen. Während zahlreiche deutsche Bürger der Mobilmachung der tschechoslowakischen Armee am 23. folge leisteten, flüchteten viele Anhänger der SdP über die Grenze nach Bayern und traten in das Sudetendeutsche Freikorps ein. Im "Münchner Abkommen" gaben die Großmächte am 30. ihre Zustimmung zum Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich.
(Foto: K. Wilck)
Am Morgen des 3. Oktober begann die Wehrmacht mit dem Einmarsch in den Kreis Tachau. Sie wurde von der Mehrheit der Bevölkerung jubelnd begrüßt. Jüdische Bürger, Sozialdemokraten und Kommunisten flüchteten oder wurden verhaftet. Im April 1939 wurde der Kreis Tachau Bestandteil des NS-Sudetengaues.Vertreibung Aufgrund der Dekrete des Präsidenten Edvard Bene musste auch der Großteil der deutschen Einwohner des Bezirks Tachau seine Heimat verlassen. Dies geschah in kleinen Gruppen, um den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaften aufzulösen. Die Menschen erfuhren meist erst am Vorabend, dass sie sich am kommenden Morgen auf dem Dorfplatz einzufinden hatten. Dort wurde das erlaubte Gepäck auf einen Leiterwagen geladen und es ging in das Aussiedlungslager in Tachau. Haustiere mussten zurück gelassen werden. Ohne humanitäre Rücksicht wurden selbst Krankenhäuser, Altenheime und Waisenhäuser evakuiert.
(Foto: K. Wilck)
Oft wurden Familien von Angehörigen getrennt, die zur Zwangsarbeit verpflichtet oder wegen ihrer NS-Vergangenheit in ein Internierungslager gekommen waren. Die Verluste der Vertreibung waren hoch. Alleine für den Kreis Tachau liegen 994 Todesnachweise vor. Bis heute konnten nicht alle Schicksale von vermissten Personen aufgeklärt werden. Viele Menschen flohen bereits vor der organisierten "Aussiedlung" über die Grenze nach Bayern.home