Nach der Vertreibung

Weiden und Tachau
Weiden und Tachau sind durch jahrhundertealte Beziehungen miteinander 
verbunden. Beide Orte lagen an der "Goldenen Straße", der im 14. Jahrhundert 
wichtigsten Verkehrsverbindung von Prag nach Nürnberg.
Das Industriezeitalter führte durch den Eisenbahnbau sowie die sich 
ansiedelnde Glas- und Porzellanindustrie zahlreiche Arbeitskräfte aus Böhmen 
in die Landstadt in der nördlichen Oberpfalz.
Mit dem Kriegsende 1945 und der Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa 
wurde Weiden zum Sammelbecken für Flüchtlinge und Vertriebene vor allem 
aus Schlesien und dem Sudetenland. Diese Menschen brachten nicht nur 
ihre Geschichte und Kultur mit in ihre neue Heimat, sondern auch ihre 
handwerklichen und wirtschaftlichen Fähigkeiten. Sie trugen so wesentlich dazu bei, 
dass sich Weiden zu einem Oberzentrum mit über 40.000 Einwohnern entwickelte.
Durch die Übernahme der Patenschaft im Jahr 1956 wurde Weiden zugleich 
zum kulturellen Mittelpunkt der früheren deutschen Einwohner des Kreises Tachau.
Wohnungsnot
Als eine der größten Städte Nordostbayerns war Weiden ein wichtiger Sammelplatz 
für Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten und 
dem Sudetenland. 
Die Stadt mit etwa 27.000 Einwohnern im Jahr 1939, musste bis Ende 1945 
über 12.000 Menschen aufnehmen, die der Zweite Weltkrieg und seine Folgen 
entwurzelt hatten. Wenngleich eine Zuzugssperre verhängt wurde und deshalb 
nur ein Teil eines Vertreibungstransportes mit 400 Personen aus dem Kreis Tachau 
im Juli 1946 nach Weiden gelangte, blieb die Stadt doch hoffnungslos überfüllt. 
Zwar hatte Weiden nur knapp ein Prozent seines Gebäudebestandes durch 
Kriegsschäden verloren; doch genügten die 1945 vorhandenen 6.900 Wohnungen 
nicht.

(Foto: K. Wilck)
"Displaced Persons", von den Nazis verschleppte Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter 
und Überlebende des Holocausts, verschärften die Situation. 
Zur Aufnahme all dieser Menschen wurden Gasthäuser, wie das Hotel Post, 
und Fabriken, wie das Versandhaus Witt, in Flüchtlingslager umgewandelt. 
Hinzu kamen Barackenlager am Hammerweg, in der Unteren Bauscherstraße, 
am Fichtenbühl, beim Schützenhaus und die Moosbürger Holzhauskolonie.
Eine Stadt mit neuem Gesicht
Fast ein Viertel der 42.000 Einwohner Weidens um 1960 waren Heimatvertriebene, 
die bei und nach Kriegsende in die Stadt gekommen waren. Bis 1948 wurden 
nur etwa 300 Wohnungen neu gebaut, so dass der Wohnungsmangel das größte 
Problem der ersten Nachkriegsjahre blieb. Erst mit der Währungsreform konnte 
die Errichtung neuer Wohnungen in nennenswertem Umfang in Angriff 
genommen werden. Vor allem den in Lagern Lebenden gab der soziale Wohnungsbau 
eine Perspektive auf Verbesserung ihrer Situation.
Noch vor Jahresende 1948 initiierte die Stadt die Gründung einer Gemeinnützigen 
Wohnungsbaugesellschaft und übernahm selbst die Funktion des Hauptanteilseigners. 
Wohnungsbaugesellschaft und Stadt, bereits bestehende Baugenossenschaften, 
aber auch Initiativen aus der Industrie und von Privatpersonen schufen 
in den ersten zehn Jahren nach der Währungsreform über 4.000 Wohnungen 
und erhöhten den Wohnungsbestand bis 1958 auf fast 12.000. Bis 1973 kamen 
noch einmal 5.500 Wohnungen hinzu. Ganze Stadtteile entstanden in diesen Jahren 
in Weiden neu.

(Foto: K. Wilck)

  
Wirtschaftlicher Neuanfang
Der Verlust der Heimat zerstörte die wirtschaftliche Existenz fast aller Vertriebenen. 
Viele suchten, dank ihrer guten Ausbildung, ihre ökonomische Zukunft 
im Dienstleistungsbereich und in der Gründung kleiner mittelständischer Unternehmen. 
Nur wenige Landwirte konnten in Deutschland ihrem alten Beruf nachgehen. 
Die meisten wechselten in die nach der Währungsreform florierende Bauwirtschaft.
Auch einige Fabrikanten der Tachauer Knopfindustrie fassten in Bayern 
wieder Fuß. Die Regierung von Oberbayern stellte in Geretsried ein Gewerbegebiet 
für den Wiederaufbau der Holzindustrie bereit. Franz und Josef Frankenberger 
gründeten dort mit Heinz Lorenz und Franz Fleißner eine Firma, 
in der Würfel und Holzspielsachen sehr erfolgreich erzeugt wurden.

(Foto: K. Wilck)
Franz Seitz, der nach Dorfen bei Wolfratshausen gekommen war, 
fertigte bis 1963 Kunsthornknöpfe und schließen. Julius Hofherr hatte bis 1955 
in Mitterfelden bei Freilassing einen Holzverarbeitenden Betrieb. 
In Bärnau eröffneten Paulusbrunner und Tachauer zahlreiche kleine Knopffabriken. 
Bis heute produziert in Pleystein das Tachauer Unternehmen Deglmann seine 
hochwertigen Knöpfe und Modezubehör.
Die Patenschaft
Bereits im April 1949 erschien in Weiden die erste Ausgabe der Zeitschrift 
"Tachauer - Pfraumberger Heimat". Seit den späten 1940er Jahren begannen 
sich die Vertriebenen landsmannschaftlich in Heimatkreisen zu organisieren. 
Am 4. August 1956 übernahm die Stadt Weiden die Patenschaft über die 
Bevölkerung von Stadt und Kreis Tachau, die bis heute besteht.

      "Die Beter" von Prof. Rudolf Böttger,
      Patengeschenk des Heimatkreises Tachau
      an die Stadt Weiden, 1956
Im Jahre 2006 konnte die Patenschaft erneuert und zukunftsfähig gestaltet werden. 
In zweijährigen Abständen werden Heimattreffen in Weiden veranstaltet.
Weidens Oberbürgermeister, insbesondere Hans Schelter, Hans Bauer und 
Hans Schröpf, pflegten die Patenschaft ebenso wie die Vorsitzenden des 
Heimatkreises, Hans Klier, Josef Schmidt, Josef Voit, Josef Schnabl und 
Wilhelm Cantzler. 
Zur Bewahrung des kulturellen Erbes wurde ein "Verein zur Erhaltung alten 
Kulturgutes des Tachauer Gebietes" mit den Vorsitzenden Franz Träger und 
Anton Kasseckert gegründet. Ab 1972 übernahm dessen Aufgaben zunehmend 
der "Heimatkreisverein Tachau e.V.". 
Das wichtigste Ergebnis der Patenschaft ist das Tachauer Museum mit seinem 
Archiv in Weiden.

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